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Hilft Zen bei schwierigen Entscheidungen im Führungsalltag?

Ich habe mittlerweile durch Zen-Leadership-Seminare und Zen-Meditation zu Hause meine eigene Mitte gefunden, fühle mich kraftvoll und mit mir im Einklang – dennoch finde ich es manchmal immer noch schwierig, unangenehme und weitreichende Entscheidungen zu treffen, beispielsweise im Job bei Entlassungen … Wie kann mir Zen-Leadership im Führungsalltag dabei helfen?

 

Mitgefühl als Kunst angemessenen Handelns

Gerade im Umgang mit unseren Mitmenschen kann uns Zen ganz wunderbar helfen, denn Zen ist nicht nur auf uns als Individuum bezogen: Die zwei höchsten Künste im Zen sind einmal die Kunst des angemessenen Handelns, dies nennt man im Zen Prajna, Weisheit, und die Kunst des mitfühlenden Handelns, Metta. Diese bezieht sich schon direkt auf unseren Nächsten, aber auch auf uns selbst, Selbstmitgefühl, im Sinne von heilsam für sich handeln, und auch Mitgefühl im Sinne von heilsam, für Einzelne, für alle und das ganze Handeln. Um hier heilsam und unheilsam zu unterscheiden, brauche ich Weisheit. Und wenn wir uns zwischen diesen beiden Feldern bewegen, dann können wir in diesem schwierigen Beispiel handeln und wir haben uns nichts vorzuwerfen.

Schwierige Entscheidungen zu treffen ist immer eine der höchsten Herausforderungen, die eben auch Führungskräfte auszeichnet, deshalb sind sie ja in erster Linie welche. Und das bedeutet auch, dass man eine schwierige Entscheidung trifft – und ist diese vollkommen falsch, dann muß man auch mit den Konsequenzen leben. Das ist ein Weg, der hat direkt mit Zen-Leadership zu tun, denn diese Entscheidung treffe ich auch für mich und mein Leben. Ich kann mich auch in die falsche Frau verlieben, das wird dann schwierig. Oder ich wähle den falschen Beruf, oder ich trinke zu viel Alkohol oder irgendwas anderes … Das heißt, am Ende ist es nicht so, dass nur die Führungskräfte an diesem Punkt sind, sondern wir sind alle in unserem Leben immer mal wieder an einem Punkt, schwierige Entscheidungen treffen zu müssen, deren Folgen noch gar nicht oder nur kaum absehbar sind.

 

Keine Ursache ohne Wirkung

Zen meint, dass alles Ursache und Wirkung ist, und alles was wir tun, wirkt in dieser Ebene. Jede Ursache hat irgendeine Wirkung, immer. Und das ist auch Führung, und vor allem die Weisheit, das zu erkennen. Wenn manche Leute denken, sie klauen irgendwo Geld, und das kriegt keiner mit – dann ist das ein Irrtum! Es ist niemals so, dass das keiner mitkriegt und dass es keine Wirkung hat. Und es trotzdem zu glauben ist nicht anders als ein Kind, das sich die Decke über den Kopf zieht, wenn es bedroht ist, nach dem Motto „Seh ich Dich nicht, siehst du mich nicht!“ – und das ist falsch.

Wie kann mir nun Zen dabei helfen? Der Punkt ist für schwierige Entscheidungen erstmal ins Hara zu gehen, in die Erdmitte. Das bedeutet, mithilfe der Übung aus dem Kopf-Schulter-Bereich die Lebensenergie nach unten fallen zu lassen, sie aus dem Emotionalen und aus dem Verstand, der Verstrickung rauszunehmen, so dass dieser eine Leichtigkeit bekommt, und die Erde, der Bauch-Becken-Raum, hat eine Schwere. Dann haben wir schon viel gewonnen, wenn das emotional Verstrickte sich nicht mehr einmischt in die Beurteilung eines Prozesses. Und jetzt kann ich noch einen Schritt weitergehen, in die Ebene der Achtsamkeit, und zwar in die Zen-Achtsamkeit der offenen Weite. Und in dem Maße es mir gelingt, mich selber da rauszunehmen, in dem Maße bekomme ich Klarheit. Klarheit ist nicht Fokussierung, sondern Klarheit ist eine Offenheit, und dann kann ich eine große Fläche sehen.

 

Keine Sicherheit zur richtigen Entscheidung – aber Hilfe auf dem Weg dorthin

Ich werde nie hundertprozentig sicher sein können, dass etwas richtig ist, denn es gibt die Situation, dass alle Parameter sichtbar sind, ich treffe die Entscheidung, und in einer tausendstel Sekunde mischt sich ein neuer, kleiner Faktor ein, und aus Weiß ist Schwarz geworden. Das ist so. Es ist unser menschliches Schicksal, denn wir sind nicht unfehlbar – also auch im Zen nicht. Das zu verstehen, ist aus dem Grunde wichtig, weil es letztendlich gar nicht darum geht, zu sagen, „Wie handle ich richtig?“. Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich kann sagen, ich versuche es zu üben, angemessener zu handeln, und haue auch ab und zu noch daneben. Aber es ist wichtig und vor allem sehr erfüllend, sich auf diesem Gebiet zu entwickeln und nicht mehr einfach impulsiv nach vorne zu preschen. Zen will gar nicht auf alles eine definitive Antwort geben, vielmehr sind Herzgeist, Intuition und Empathie die Stärken, die bei schwierigen Entscheidungen von Bedeutung sind, im Job wie im Leben – und genau diese hilft uns Zen, zu stärken.

 

Zen-Meister Hinnerk Syobu Polenski
im Gespräch mit Teilnehmern aus dem Zen-Leadership-Seminar 2016

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Wie gehe ich im Alltag mit Zeitdruck und innerem Druck um ?

Als Führungskraft genieße ich es sehr, im Rahmen eines Zen-Leadership-Seminars endlich einmal für eine gewisse Zeit Ruhe und innere Einkehr zu finden, gerade weil ich weiß, dass es danach zu Hause wohl leider nicht so bleiben kann … Zen-Meditation und der stressige Alltag scheinen auf den ersten Blick zwei Aspekte, die sich nur schwierig unter einen Hut bringen lassen. Gibt mir Zen die Möglichkeit, dem Zeitdruck und inneren Druck auch im Alltag zu begegnen?

 

Zeitdruck und Druck ist ganz normaler Bestandteil des Alltags

Es gibt im Leben Zeitdruck und Druck in vielen Möglichkeiten. Das ist auf Dauer keine gute Sache für alle Beteiligten. Es gibt im Leben immer wieder besondere Situationen, wo etwas passiert.

Wenn ich auf der Straße fahre, und plötzlich einen Unfall sehe, dann bin ich in einer Situation, wo ich einfach extrem schnell handeln muss. Und ich weiß vielleicht überhaupt nicht, was ich tun muss, weil ich vergessen habe, was Erste Hilfe war; dann ist das ein extremer Zeitdruck, und trotzdem muss ich richtig und angemessen handeln.

Solche Situationen gibt es. Dabei muss es nicht unbedingt um Leben und Tod gehen, der Zeitdruck – jede Form von Druck besteht gerade unter Führungskräften im Alltag, jeden Tag. Es gibt Situationen in Unternehmen, die erfordern schnelles, klares Handeln. Und es bringt auch noch Gefahr mit für mich, meine Karriere, für Mitarbeiter, ihre Arbeitsplätze, ihre Existenz, ja auch für die Menschen im Umfeld. Da entsteht Druck und das ist auch wirklich richtig.

Und wenn mich das für Momente an die Grenze bringt und für kurze Zeit über die Grenze hinweg, und wenn ich anschließend vollkommen erledigt und erschöpft bin – dann ist das vollkommen in Ordnung.

Die Verantwortung und die Arbeitslast als Führungskraft bringen es ganz unweigerlich mit, dass es immer mal wieder Situationen und Phasen geben wird, in denen ich extrem unter Zeitdruck, überhaupt unter Druck stehe – wenn das aber ein Dauerzustand ist, dann ist etwas extrem verkehrt, entweder in meinem Leben oder in dem System, in dem ich mich befinde.

 

Anhalten und Klarheit gewinnen ist die höchste Zen-Leadership-Pflicht!

Das heißt, diese Frage bedeutet, ich muss erstmal anhalten. Ich kann nicht sagen, Zen ist eine Methode, wie ich jetzt mit dem Dauerstress klarkomme, und gebe mich damit zufrieden. Denn das würde ja bedeuten: Wie kann ich in dem Wahnsinn noch wahninniger agieren mithilfe von Zen? Das geht nicht.

Das ist nicht nur ethisch nicht vertretbar, sondern wird unweigerlich zu neuen Blockaden, zu neuen schlaflosen Nächten oder gar Panikattacken führen. Ich muss dann mutig sein, tiefen Mut haben, und einfach anhalten, und im Zen-Leadership-Training bieten sich viele Möglichkeiten dazu. Anhalten und Klarheit gewinnen, wenn die Dinge aus dem Rahmen laufen, ist die höchste Zen-Leadership-Pflicht.

 

Zen hilft auch, den Körper zu schützen

Tue ich das nicht, wird sich das irgendwann und unweigerlich negativ auf meinen Körper auswirken: Der schlimmste Fall, wenn das gar nicht geht, ist doch, dass ich krank werde, so krank, dass ich eigentlich nicht arbeiten kann. Deshalb muss ich einfach anhalten, und sehen: „Was passiert hier eigentlich? Was ist hier eigentlich los mit mir in meinem Leben und drumherum?“

Ausnahmezustände sind wie gesagt kein Problem, aber das darf nie länger gehen, keine längere Phase. Unser Körper ist schlichtweg dafür nicht gebaut. Es ist ja nicht so, dass ich unter Zeitdruck, überhaupt unter Druck – nur gestresst bin oder schlecht schlafe. Ich zerstöre mein Immunsystem damit, denn dafür sind wir nicht konstruiert.

Kein Lebewesen ist für eine Dauerstressbelastung konstruiert. Nach einer Zeit x, und die ist für jeden Menschen unterschiedlich, ab einem bestimmten Punkt, altern wir schneller, wir werden schneller krank, unser gesamtes System fängt an einzubrechen, und wir regenerieren langsamer. Und wenn man sieht, dass es bald so weit ist – spätestens dann hat man doch das Recht, zu stoppen. Jeder!

 

Zen-Leadership findem im Alltag statt

Zen-Leadership gibt uns die Möglichkeit dazu, sowohl es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, als auch dann, wenn es eigentlich schon fast zu spät ist. Im Rahmen eines oder mehrerer Leadership-Seminare bekomme ich die Möglichkeit anzuhalten und zu meiner inneren Mitte zu finden. Und – ganz wichtig –  auch die Werkzeuge mit auf den Weg, dies auch weiterhin im Alltag zu können.

Diese Wirkung der Kombination aus Meditation, Vier-Augen-Gesprächen und geistigem Input vor Ort endet ja nicht mit dem letzten Seminartag, sondern im Gegenteil gibt sie das nötige Rüstzeug für das, was danach kommt!

Zen-Meditation, die Übung, Zazen genannt, findet im Seminar oder bei mir zu Hause z. B. am Morgen statt. Zen findet im Alltag statt. Zen-Leadership findet im Führungsalltag, im Alltag von Verantwortungsträgern statt.

 

Zen-Meister Hinnerk Polenski
im Gespräch mit Teilnehmern des Zen Leadership Seminars, 2015