Zen Leadership beginnt in der Selbstführung

Da Leadership und Management zwei unterschiedliche Dinge sind, welche Chance bietet dann Zen für diese Bereiche? 

Wir haben uns schon mit dem Thema beschäftigt, ob Leadership und Management gleichzusetzen sind, oder ob es Unterschiede gibt, und festgestellt, dass es sich bei beiden um grundverschiedene Dinge handelt. Vor diesem Hintergrund, welche Chance bietet dann Zen für diese Bereiche?

 

Für beides gilt: Selbstführerschaft ist der Grundstein

Zunächst einmal bietet Zen für den Bereich „Management“ dieselben guten Voraussetzungen wie für jeden anderen Fachbereich auch: Egal ob geisteswissenschaftlicher Hintergrund wie Kunstgeschichte oder naturwissenschaftlicher wie Medizin – die positiven Auswirkungen von Zen sind immer zu spüren, da sie ja in uns selbst wirken und sich nicht danach richten, was wir beruflich tun. Aber die Hauptschlagkraft, das Hauptfeld, liegt im Zen-Leadership-Bereich, denn Zen-Leadership bedeutet immer erst einmal Selbstführerschaft.

 

Drei Elemente der Führungskraft

Das deutsche Wort „Führungskraft“ besteht aus drei Elementen:

  • Erstens: Führung heißt, dass ich Orientierung habe. Orientierung heißt aber nicht, dass ich eine Zeitung lese und mir erzählen lasse, was ich tun oder denken soll ‒ sondern dass ich eine innere Linie habe, eine innere tiefe Orientierung, verbunden mit einer Vision oder mit einem ganz bodenständigen Ziel, das sei dahingestellt. Manchmal bedeutet es nur zu ahnen, wohin ich nicht will. Manchmal zu wissen, wo ich die richtigen Informationen und Mittel herbekomme, und manchmal, wie ich aus einer unglaublichen Menge von Informationen und scheinbaren oder wirklichen Ressourcen das Wesentliche erkenne.Zen-Leadership bedeutet Orientierung, und so Führung in allen genannten Bereichen zu haben. Zen-Leadership ist aber auch, zu erkennen, dass ich selten alles ausreichend zur Verfügung habe, und trotzdem zu handeln, zu entscheiden, zu führen. Eine wesentliche Fähigkeit, die Zen-Leadership deshalb schult, ist die Intuition und das angemessene Handeln.
  • Und dann kommt das zweite Element, und der zweite Teil im deutschen Wort „Führungskraft“ heißt „Kraft“. Das heißt, ich muss in der Lage sein, meine Vision, meine Orientierung, meine Unternehmung zu multiplizieren. Das heißt, ich brauche Kraft und Energie, eine Innere Kraftquelle, und aus dieser Quelle heraus multipliziere ich den Weg, den ich für das Gesamte gut finde. Das ist ein ganz zentraler Punkt im Zen, und deshalb sind im Zen-Seminar die Übungen, die Mediation und die Vier-Augen-Gespräche mit dem Zen-Meister darauf ausgerichtet, diese Energie zu öffnen und gegebenenfalls zu bündeln, und die Herzkraft und Willensenergie zu stärken.
  • Nun beziehen sich diese ersten beiden Aspekte ja erst einmal nur auf mich als Individuum, deshalb kommt der wichtige dritte Aspekt hinzu: Wir brauchen auch noch Menschen dazu. Wenn ich das alles alleine im stillen Kämmerchen mache, dann bin ich der „verkannte Philosoph“. Dieser ist wie ein Wegweiser, er zeigt den Weg, aber geht ihn nicht. Und da der Wegweiser im stillen Kämmerlein steht, sieht ihn auch keiner. Das heißt, in dem Moment aber, wo Menschen hinzukommen, kommt auch eine ethische Komponente mit hinein, denn das ganze Thema Leadership wird umso stärker, umso mehr es auch einem Guten dient, also einem Gemeinwohl. Dafür brauche ich eine Vision: Eine Vision ist nicht, ich haue mir die Taschen voll Geld und mache auf den Bahamas Party. Da spricht ja gar nichts gegen, wenn ich glaube, das muss ich tun, aber dafür brauche ich keine Vision, da brauche ich nur meinem Trieb zu folgen und meine Begabung da mit hineinzubringen, dann komme ich da schon irgendwie an. Aber wenn ich eine Vision habe, ist das immer etwas, was mit dieser Gemeinschaft verbunden ist. Wir sind Gemeinschaftswesen, und die Gemeinschaft hat auch einen Instinkt, und sobald das mit einem Gemeinwohl verbunden ist, dann hat das eine große Leichtigkeit ‒ und das ist auch gut für das, was man Erfüllung nennt. Wir werden ja auch immer älter, und dann gibt es vielleicht zunehmend andere Dinge als nur Party …

 

Zen als Trainingsweg für die eigene Vision

Das heißt, Zen bietet einen Trainingsweg. Das ist wichtig zu wissen. Zen-Leadership ist nicht Theorie, sondern ist eine Praxis, Potentiale zu öffnen, die unterschiedlich sind. Es ist nicht jeder auf die gleiche Art ein Leader, das ist nicht das Gleiche, es ist nicht der gleiche Baustoff. Der eine Leader wirkt eher in eine Richtung, in der die Thematik Intuition, Inspiration viel, viel stärker entwickelt ist, in anderen ist es die Thematik der Empathie, wieder bei einem anderen ist es der Wille, Power, oder die Kraft, Dinge zu multiplizieren. Das hat etwas zu tun mit Karma, und somit ist der Zen-Leadership-Weg unterschiedlich. So kann man auch nur begrenzt pauschalisieren und sagen: „Zen-Leadership ist das und das, und Methodik so und so …“, sondern man kann Menschen dazu inspirieren, motivieren, hierher zu kommen und ein Zen-Leadership-Training anzufangen, was ein eigener Weg ist ‒ der im Übrigen sehr viel Spaß macht natürlich!

Zum Beispiel bei Inspiration und Innovation, was ja einen Leader auch ausmacht, ist Zen eine wertvolle Unterstützung. Ein Aspekt im Zen sticht dabei besonders hervor, und das ist Shunyata, „Leerheit“ im positivsten Sinne. So ist Zen der Leere die vollkommene Abwesenheit von all diesen alten Strukturen, dem Festhalten, Wissen: Das was bekannt ist, ist alt. Was bekannt ist, vergeht, ist vergänglich. Das Neue, das Ungeborene ist immer unbekannt. Das begegnet uns täglich im Leben, beispielsweise bei der Geburt: Vorher war da nichts, und dann ist da ein Baby, und wir wissen auch nicht, was daraus wird. Oder ob das eine wahnsinnige Idee ist. Genauso bei neuen Ideen oder Erfindungen: Wenn Herr Jobs plötzlich so eine verrückte Idee hat, oder andere Herrschaften, das ist immer erst mal aus dem Nichts. „Wissen ist Verblendung, Nichtwissen ist öde Leere“, sagte Zen-Meister Nansen. Das heißt, Inspiration und Innovation und Intuition sind unsere Bewegungsfelder. Das sind Teilbegriffe eines altmodischen Wortes, das „Weisheit“ heißt.

 

Zen Meister Hinnerk Syobu Polenski
im Gespräch mit Teilnehmern des Zen Leadership Seminars, 2016