Zen und Zen-Leadership werden in Europa immer beliebter

Wenn man sich einmal vor Augen hält, wie lange es Zen schon gibt und wie sehr Zen dem Menschen hilft, hat es doch ganz schön lange gedauert, bis wir Europäer begonnen haben, den Zen-Weg auch für uns zu erschließen. Warum also wird jetzt Zen in Europa immer beliebter?

Die gesellschaftlichen Strukturen verändern sich

Das hat vor allem geschichtliche Gründe. Auf Deutschland bezogen gab es lange Zeit klare Strukturen in der Gesellschaft, aber damit einhergehend auch sehr wenig Bewegungsmöglichkeiten: Gott, Kaiser, Vaterland ‒ war seit dem heiligen Römischen Reich die deutsche Nation. Der Rahmen, in dem jeder Bürger mehr oder weniger gefangen war.

Renaissance und Aufklärung setzten erste andere wegbereitende Sichtweisen. Mit dem 19. Jahrhundert begann östliche Weisheit zum erstenmal Impulse zu setzen. Dann ereigneten sich die Weltkriege und es standen andere Dinge im Fokus: Die Wohlstandsgesellschaft der 1950er Jahre z.B. Die zweite große Welle östlicher Weisheitslehren begann mit den 68ern und der Hippie-Bewegung, die Zeit der Gurus und indischen Lehrer.

Die darauf folgende entstehende Esotetik war ebenso eher nach innen gerichtet, als weniger sich selbst in seiner Welt zu meistern. Gleichzeitig wurde Zen immer populärer. Zen im Alltag wurde ein Begriff. Und es geschahen zwei Veränderungen, die die Frage nach

Sinn und Sein von Zen

weiter öffneten: Das erste war ein gigantischer Riss, der heute noch gefeiert wird, dessen Wirkung aber in Summe immer schwieriger zu bewerten sein wird. Dieser Riss war Gorbatschows Glasnost, weil es das geopolitische System komplett destabilisiert hat. Das Wertesystem ist seit dem ersten und zweiten Weltkrieg sichtbar aufgelöst. Nun begann mit den 90er Jahren eine komplette Neuverteilung von Macht, Ressourcen und Interessenssphären. Gerade Verantwortungsträger spüren instinktiv, daß dies auch große Instabilitäten, Risiken und Gefahren für Frieden und Wohlstand bedeuten kann. Das alles hat uns zwar dahin gebracht, wo wir heute sind, und uns im Vergleich zu früher zu einer viel offeneren und reiferen Gesellschaft gemacht ‒ hinterlässt aber andererseits auch eine gewisse Orientierungslosigkeit.

Zwanzig  Jahre später ist der Mensch an einem Punkt angekommen, wo er sich die Frage stellt: Was ist der Sinn der Sache? Geht das alles gut aus? Wohin geht der Weg?

Das Problem ist also, dass wir bei allem, was heute besser läuft als je zuvor, automatisch trotzdem die Antworten auf eben diese Fragen suchen. Fragen, wo wir feststellen, daß uns keiner Antworten geben kann. Nicht die Politiker, nicht die Medien, nichts außerhalb von uns. Grundlegende geschichtliche Veränderungen verbunden mit Orientierungslosigkeit beherrschten die alte Welt.

Mit den neunziger Jahren rückte der Buddhismus mehr in den Mittelpunkt der Sinnsuche. Zen wurde in Europa populär, weil es uns nicht aus der Welt heraus, sondern in die Verantwortlichkeit in meine Welt hinein führt und mir den Weg der Kraft, der Inneren Mitte und Orientierung öffnet.

Zen ist der Weg, mich und meine Welt als Einheit zu erfahren

Ganz automatisch wurde damit, in den Anfängen seit fast hundert Jahren, auch hier die östliche Philosophie immer interessanter. Sie sagt immer das gleiche. Zen-Leadership wurde von mir vor 25 Jahren begründet und öffnet seit dieser Zeit Menschen Selbstführung und Innere Mitte. In diesen 25 Jahren hat sich gigantisch viel geändert. Die Menschen wollen Antworten. Und Außen gibt es keine mehr.

Politik und Medien sind von Angst beherrscht, die sie auf die Menschen um sich übertragen. Gurus und Fahnenträger, sowie Schwarz-Weiß-Seher wirken nicht vertrauenswürdig. Zen führt die Menschen zurück zu sich selbst: „Die Antwort findest du nur in dir selbst, die Antwort ist in der Einheit von dir und deiner Welt.“ Und ob das jetzt nun aus hinduistischem Yoga, Bajana-Buddhismus, Theravada oder Taoismus oder Zen besteht, am Ende sind die sehr verschieden ‒ aber sie sagen das gleiche. Die Antwort ist in dir, und der Schlüssel zur Welt oder zum Leben ist in dir selbst. Der Unterschied dieser verschiedenen Richtungen, die alle ihre wunderbaren Schwerpunkte haben, ist eben, dass Zen als höchstes Ziel die eigene Befreiung hat, in mitten meiner Welt. Es ist der Weg, meine Welt und meine Wirklichkeit als eine Einheit zu erfahren, in der ich heilsam wirke.

Zen ist Aktion, Handeln in der Totalität des Jetzt.

Zen ist das Wirken im Potential des Augenblicks. Und das ist natürlich für Menschen, die in der Wirklichkeit wirken, Verantwortung übernehmen und kreativ sein wollen ein sehr attraktiver Weg. Ein Weg der inneren Orientierung und des daraus Wirkens in der eigenen Mitte.

Zen ist mit der Lebenswirklichkeit in Einklang

Der heutige Mensch ist gefordert zu erkennen: „Das ist meine Welt!“ Und die ist nicht abhängig davon, welche Partei ich wähle oder welchen TV Kanal ich sehe, welcher Ideologien und Religionen ich folge. Sie ist davon abhängig, was ich tue oder welche Frage ich stelle. Noch wichtiger ist, daß ich in dem Ganzen anhalte und durch Zen-Meditation Klarheit gewinne. Von: „Was passiert hier eigendlich gerade?“ ,zu: „Mache ich das richtig?, zu „Mache ich das Richtige?“ –
zur wichtigsten Frage: „Wer bin ich?“

Und ich glaube, das ist der Grund, warum Spiritualität sehr, sehr populär ist, und es ist auch kein Trend mehr. Es hat ungefähr angefangen mit Schopenhauer, der bereits im 19. Jahrhundert seine Erkenntnistheorie mit fernöstlichen Philosophien verband, und seitdem ist es kontinuierlich gewachsen. Unterbrechungen gab es nur sehr kurze, das waren die beiden Weltkriege. Außerdem muss man natürlich auch sagen, dass solche philosophischen Gedanken lange gar nicht jedem offen standen.

In den früheren Gesellschaften brauchte es schon ein großes Maß an Belesenheit und Mut, klassische Werte und Konventionen infrage zu stellen. Heute jedoch steht es glücklicherweise jedem frei, sich seine eigenen Gedanken zu machen und Althergebrachtes und Unheilsames anzuzweifeln. Zu erkennen, wie ich das Heilsame für mich und andere Entwickeln kann.

In der heutigen Zeit ist es so, dass der Buddhismus im Moment in die Führungsposition gegangen ist, den Menschen einen gehbaren heilsamen Weg an zu bieten. Zen-Leadership ist hier der Weg für Verantwortungsträger und Führungskräfte. Das ist ein Weg, eine Brücke von östlicher Weisheitspraxis zu westlichem Geist, im Kontext unserer Herausforderungen. Jeder Einzelne für sich, wie auch die Gesellschaft als Ganzes kann von diesem Weg nur profitieren.

Zen-Meister Hinnerk Polenski

im Gespräch mit Zen-Leadership-Seminarteilnehmern, Mai 2016

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Zen Leadership in der Kunst der Teamentwicklung

Zen ist in erster Linie eine tiefe Einsicht, dass es keinen Unterschied zwischen mir und dem Anderen gibt.

Die Einsicht und Erfahrung, die sich daraus ergibt, ist achtsame Empathie; den Anderen, die Gruppe so wahrnehmen wie sie ist und fühlt, und nicht wie ich glaube und möchte, daß sie ist. Hier lerne ich durch Achtsamkeit mich zurückzunehmen und dem Anderen Raum zu geben.

Dann Zen-Intuition, auch Klarsicht genannt, das schlagartige Erkennen des Potentials des Augenblicks – dies geht dadurch, dass ich durch Zen meine Ich-Grenze herunterfahre und zum transpersonalen Bewusstsein komme. Wir erkennen unser Wesen und das Wesen unserer Welt. Hier beginnt der tiefe Zen-Weg. Und erst wenn diese Einsicht da ist, beginnt Zen, und daraus entstehen dann diese Kräfte, wodurch Zen sich auszeichnet. Ich wirke nicht mehr primär im Ich, sondern im Wir. Dadurch öffne ich einem Team einen Raum. Ein gutes Team besteht aus einem gemeinsamen Weg. Ein Hochleistungsteam besteht dabei aus sehr verschiedenen Menschen mit besonderen Fähigkeiten.

 

Zen in der Kunst der Teamentwicklung

Geht nur, wenn der Teamleader all diese Aspekte verbindet: Orientierung auf einem gemeinsamen Weg, einen Raum für sehr verschiedene Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten und die verbindende Linie durch diese Verschiedenheit. Die Krone wäre vernetzte Intelligenz, dies setzt dann die Fähigkeit zu transpersonalem Wirken voraus. Das bedeutet aber Training und ein sehr gutes Recruiting.

Zu Beginn bedeutet Zen in der Kunst der Teamentwicklung, Stärkung der gemeinsamen Kreativität und Wirkungskraft, mehr Stressresistenz und mehr Gemeinsamkeit, Verbundenheit.

Dies setzt zwei Dinge voraus: Die erste Bedingung ist, es geht nicht ohne den Teamleader. Im Gegenteil, dieser braucht ergänzendes Training und Coaching. Zweitens, mindestens ein Drittel des Teams sollte Zen-Leadership-Training praktizieren.

Der ideale Weg zu Leadership in einer Organisation ist deshalb: Der Entscheider, Leader, kommt selbst zu einem offenem Zen-Leadership-Seminar, um für sich selbst zu prüfen, ob Zen-Leadership für ihn persönlich der Weg zu mehr Leadership ist.

Wenn er erfährt, dass das passt, gibt er die Idee ins Team weiter, z. B. durch das Buch In der Mitte liegt die Kraft, oder einen kleinen „Teaser“, wie unsere Website, und bietet im persönlichen Gespräch geeigneten und offenen Personen die Teilnahme an offenen Seminaren an, damit auch hier eine persönliche Idee entsteht. Durch diesen Prozess wird das Interesse intern größer, sodass der dritte Schritt ein firmeninternes Seminar sein kann. Andere Organisationen schicken seit Jahren regelmäßig Mitarbeiter, teilweise geht das über Betriebsärzte, über die Personalentwicklung, aber meistens über die Leader selbst.

Zen, Zen-Leadership darf aber immer nur ein Angebot sein. Es ist davon abzuraten, zu sagen, ich habe jetzt ein Team, die kommen alle hierher und machen Zen. Theoretisch muss ich sagen, da würden wir uns drüber freuen, aber wir sind eine Organisation, der an dem Gemeinwohl gelegen ist, und wir wollen den Menschen dienen, und das heißt nützen. Deshalb ist es so, dass es besser ist, anstatt mit 40 Leuten ein Seminar zu besuchen, mit 12 bis 16 ein Seminar zu machen, die neugierig sind. Und dementsprechend dann zu sagen, der Schwerpunkt ist, meinem Führungskräfteteam eine Idee von Zen-Leadership zum Anfassen zu geben. Und dann kann man letztlich so einen Prozess initiieren, der aber nur dann weitergeht, wenn ich selber als Führungskraft diesen Ball intern weiterspiele, und dann kann man ab und zu mal in einem Hin und Her eben solch eine Entwicklung auf den Weg bringen.

Und so haben wir in einigen Firmen Zendos initiiert, also Räume, die speziell dafür ausgerichtet sind, im Sitzen zu meditieren, dem so genannten Zazen. Und inzwischen sind einige dieser Führungskräfte, die theoretisch erst mal als Kunden kamen, heute Schüler, entwickeln sich in erster Linie weiter, geben das weiter, und es entstehen sozusagen Kulturen. Diese ziehen dann aber manchmal auch etwas ganz anderes nach, sodass dann plötzlich Mitarbeiter beispielsweise christliche Kontemplation oder Yoga entdecken ‒ so kann jeder für sich herausfinden, welcher Weg der für sie oder ihn geeignete ist.

 

Zen Meister Hinnerk Syobu Polenski
im Gespräch mit Teilnehmer eines Zen Leadership-Seminars, Frühjahr 2016