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Zen Leadership in der Kunst der Teamentwicklung

Zen ist in erster Linie eine tiefe Einsicht, dass es keinen Unterschied zwischen mir und dem Anderen gibt.

Die Einsicht und Erfahrung, die sich daraus ergibt, ist achtsame Empathie; den Anderen, die Gruppe so wahrnehmen wie sie ist und fühlt, und nicht wie ich glaube und möchte, daß sie ist. Hier lerne ich durch Achtsamkeit mich zurückzunehmen und dem Anderen Raum zu geben.

Dann Zen-Intuition, auch Klarsicht genannt, das schlagartige Erkennen des Potentials des Augenblicks – dies geht dadurch, dass ich durch Zen meine Ich-Grenze herunterfahre und zum transpersonalen Bewusstsein komme. Wir erkennen unser Wesen und das Wesen unserer Welt. Hier beginnt der tiefe Zen-Weg. Und erst wenn diese Einsicht da ist, beginnt Zen, und daraus entstehen dann diese Kräfte, wodurch Zen sich auszeichnet. Ich wirke nicht mehr primär im Ich, sondern im Wir. Dadurch öffne ich einem Team einen Raum. Ein gutes Team besteht aus einem gemeinsamen Weg. Ein Hochleistungsteam besteht dabei aus sehr verschiedenen Menschen mit besonderen Fähigkeiten.

 

Zen in der Kunst der Teamentwicklung

Geht nur, wenn der Teamleader all diese Aspekte verbindet: Orientierung auf einem gemeinsamen Weg, einen Raum für sehr verschiedene Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten und die verbindende Linie durch diese Verschiedenheit. Die Krone wäre vernetzte Intelligenz, dies setzt dann die Fähigkeit zu transpersonalem Wirken voraus. Das bedeutet aber Training und ein sehr gutes Recruiting.

Zu Beginn bedeutet Zen in der Kunst der Teamentwicklung, Stärkung der gemeinsamen Kreativität und Wirkungskraft, mehr Stressresistenz und mehr Gemeinsamkeit, Verbundenheit.

Dies setzt zwei Dinge voraus: Die erste Bedingung ist, es geht nicht ohne den Teamleader. Im Gegenteil, dieser braucht ergänzendes Training und Coaching. Zweitens, mindestens ein Drittel des Teams sollte Zen-Leadership-Training praktizieren.

Der ideale Weg zu Leadership in einer Organisation ist deshalb: Der Entscheider, Leader, kommt selbst zu einem offenem Zen-Leadership-Seminar, um für sich selbst zu prüfen, ob Zen-Leadership für ihn persönlich der Weg zu mehr Leadership ist.

Wenn er erfährt, dass das passt, gibt er die Idee ins Team weiter, z. B. durch das Buch In der Mitte liegt die Kraft, oder einen kleinen „Teaser“, wie unsere Website, und bietet im persönlichen Gespräch geeigneten und offenen Personen die Teilnahme an offenen Seminaren an, damit auch hier eine persönliche Idee entsteht. Durch diesen Prozess wird das Interesse intern größer, sodass der dritte Schritt ein firmeninternes Seminar sein kann. Andere Organisationen schicken seit Jahren regelmäßig Mitarbeiter, teilweise geht das über Betriebsärzte, über die Personalentwicklung, aber meistens über die Leader selbst.

Zen, Zen-Leadership darf aber immer nur ein Angebot sein. Es ist davon abzuraten, zu sagen, ich habe jetzt ein Team, die kommen alle hierher und machen Zen. Theoretisch muss ich sagen, da würden wir uns drüber freuen, aber wir sind eine Organisation, der an dem Gemeinwohl gelegen ist, und wir wollen den Menschen dienen, und das heißt nützen. Deshalb ist es so, dass es besser ist, anstatt mit 40 Leuten ein Seminar zu besuchen, mit 12 bis 16 ein Seminar zu machen, die neugierig sind. Und dementsprechend dann zu sagen, der Schwerpunkt ist, meinem Führungskräfteteam eine Idee von Zen-Leadership zum Anfassen zu geben. Und dann kann man letztlich so einen Prozess initiieren, der aber nur dann weitergeht, wenn ich selber als Führungskraft diesen Ball intern weiterspiele, und dann kann man ab und zu mal in einem Hin und Her eben solch eine Entwicklung auf den Weg bringen.

Und so haben wir in einigen Firmen Zendos initiiert, also Räume, die speziell dafür ausgerichtet sind, im Sitzen zu meditieren, dem so genannten Zazen. Und inzwischen sind einige dieser Führungskräfte, die theoretisch erst mal als Kunden kamen, heute Schüler, entwickeln sich in erster Linie weiter, geben das weiter, und es entstehen sozusagen Kulturen. Diese ziehen dann aber manchmal auch etwas ganz anderes nach, sodass dann plötzlich Mitarbeiter beispielsweise christliche Kontemplation oder Yoga entdecken ‒ so kann jeder für sich herausfinden, welcher Weg der für sie oder ihn geeignete ist.

 

Zen Meister Hinnerk Syobu Polenski
im Gespräch mit Teilnehmer eines Zen Leadership-Seminars, Frühjahr 2016

 

 

 

 

 

 

 

 

Sind Leadership und Management aus Sicht von Zen kongruente Begriffe?

Leadership und Management gehören zweifellos zusammen, und oft werden sie sogar als Synonym verwandt. Ich bin jedoch der Meinung, dass sich beide unterscheiden und nicht immer gleichzusetzen sind.

Sind Führung beziehungsweise Leadership und Management aus Sicht von Zen kongruente Begriffe?

 

Leadership und Management sind zwei Kompetenzen

John P. Kotter, Professor für Führungsmanagement an der Harvard Business School, den ich sehr schätze, schrieb schon 1988 ein Buch zu diesem Thema: “How Management differs from Leadership”.

In diesem Buch forderte er, daß dieses zwei verschiedene Kompetenzen seien müssen, die auch idealerweise auf zwei verschiedene Personen verteilt sind. Weiterhin postulierte er, dass Management in unserer Geschäftswelt dominiert, dass wir „over-managend“ und „under-leaded“ sind.

Dieses Buch hat mich sehr, sehr inspiriert, verbunden mit dem, was ich von „Total Quality Leadership“ gelernt habe. Dies ist nicht etwa das, was viele deutsche Konzerne darunter verstehen, also „Qualitätsführerschaft“, sondern vielmehr bedeutet es, den Akzent „Kundenwünsche“ in Qualitätsziele und in Produktionslinien umzusetzen.

Wenn man das in eine bestimmte Richtung bringt, kann man dann seinen Blick noch mehr erweitern. Wenn wir nur nach Kundenwünschen gehen würden, dann gäbe es z. B. vielleicht ein Smartphone nicht, denn vor 15 Jahren hätte ein Kunde sich so etwas nicht vorstellen können.

 

Management verwaltet, Leadership ist Selbstführung

Das heißt, die Leadership-Komponente hat noch eine weitere Dimension, denn reines Management heißt, den Bestand zu verwalten. Dies ist anders als neue Felder zu öffnen; dementsprechend ist die Ausbildung für Leadership und für Management unterschiedlich.

Die Ausbildung für Management ist tadellos, das nennt man „Betriebswirtschaft“, und das ist hinreichend abgedeckt, da passiert eine ganze Menge. Die Ausbildung für Leadership aber ist dünn gesät. Das Thema ist, dass Leadership „Selbstführerschaft“ bedeutet und ganz andere Kompetenzen erfordert als Management.

So gesehen fordert Kotter, daß wir im Unternehmen unterschiedliche Dimensionen besetzen sollen. In dem Buch „Die Linie im Chaos“ habe ich versucht, diesen Weg letztlich in die Praxis umzusetzen. Es ist wichtig darauf zu achten, dass wir gute Manager haben, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Leadership und Management sind zwei Seiten einer Medaille, aber es empfiehlt sich, die Begriffe auch mit Hinsicht auf das Personal zu trennen.

Und es ist sehr, sehr empfehlenswert, dass diejenigen, die in die Verantwortung der obersten Spitze gehen, sich in erster Linie in Leadership-Kompetenz ausbilden, also letztendlich der Fähigkeit, mitten im Chaos wieder Ordnung zu schaffen.

 

Zen-Leadership führt auf einen Weg des Erfolges

Kotter sagt, Management sei immer funktional in Friedenszeiten, wenn – metaphorisch gesprochen – der General und ähnliche Leute das Heer in eine gute Ordnung bringen, die Logistik und alles wunderbar funktioniert. Aber wenn die Hälfte des Heers zerstört ist und die Moral am Boden und der Feind übermächtig, dann ist Zen-Leadership das, was alle heraushebt und mit einem Licht auf einen Weg des Erfolges und auch des Guten wieder nach vorne bringt.

Aber auch hier ist Intuition, Empathie und die innere Mitte von grundlegender Bedeutung, denn „over-leaded“ ist ebenfalls eine „Kompetenz“, die nicht zielführend ist. Das ist zwar seltener, aber z. B. der Fall, wenn die visionäre Ebene nicht mehr genug Boden hat und in der Realität nicht mehr bestehen kann.

So ist im Zen-Leadership einer der zentralen Punkte, seine Mitte zu finden und geerdet zu sein, und so die eigenen Fähigkeiten im Zen-Leadership weiter auszubauen und zu stärken.

 

Zen-Meister Hinnerk Syobu Polenski 
im Gespräch mit Teilnehmern des Zen Leadership Seminars, 2016

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Zen-Meditation und Zen-Übung in optimaler Balance

Im Zen Leadership Seminar habe ich gesehen, dass die Kombination aus Zen-Meditation und Zen-Übung, also eigener, individueller Zen-Übung mir ungemein hilft, die eigene Mitte zu finden und mein Hara zu stärken. In welchem zeitlichen Verhältnis sollten die einzelnen Elemente während des Seminars optimalerweise zueinander stehen?

 

Zen Leadership verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz

Im Daishin-Zen und damit auch im Zen Leadership Seminar geht es nicht nur um das Verhältnis Zen-Meditation und Zen-Übung, sondern wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz, der vor allem drei Schwerpunkte setzt. Der erste Schwerpunkt ist ein sehr verstärktes Vier-Augen-Gespräch, in Form des Taiwas zur Stärkung des Haras. Der zweite Aspekt das persönliche Zen-Gespräch mit dem Zen-Meister. Dazu kommt noch das Dokusan, ebenfalls mit dem Zen-Meister und in einem speziell dafür hergerichteten Raum.

Also als erste Säule ein sehr auf die individuellen Bedürfnisse jedes Teilnehmers abgestimmter Bereich, sozusagen ein sehr großer „Vier-Augen-Check“.

 

Zen-Meditation und Zen-Übung für sich und in der Gruppe sind in Harmonie

Und das zweite Drittel ist eine gewisse Menge an Zen-Übungen, vor allem Zazen, der wichtigsten Übung im Zen. Diese Zen-Meditation im Sitzen hat eine Dauer von 25 oder 45 Minuten, und wird ergänzt durch die persönliche Übung, mit der man noch einmal zusätzlich z. B. die Atemtechnik lernt zu kontrollieren und das Hara zu stärken.

Das dritte ist, daß jeder Teilnehmer auf dem Seminar zusätzlich jede Menge Input bekommt in Form von Vorträgen, Fragerunden und Gruppensitzungen, die das Erlebte und Gelernte erweitern, verknüpfen und festigen. Diese drei Felder wechseln sich ab.

Der Vorteil gerade in der Zen Leadership Academy ist es, daß sich jeder seine Geschwindigkeit selber aussucht. Wenn irgendjemand während des Seminars sagt, „Das ist mir zu viel“, dann kann er Teile davon rausnehmen. Aber es geht auch umgekehrt, man kann auch sagen: „Das ist mir zu wenig“, dann kann man auch Teile dazu nehmen. Vielleicht war man aber auch schon zwei-, dreimal auf einem Zen-Leadership-Seminar, und sagt, man geht jetzt mal ein bisschen weiter, intensiver  und meditiert die ganze Nacht durch und schaut, ob man diese Kraft halten kann – auch das ist natürlich möglich.

Für Wiederholer gibt es dann noch zusätzliche Programmpunkte, wie das Zen-Gespräch, intensives Training in einer Kleingruppe usw.

 

Zusätzlich Möglichkeiten für Sport und Wellness

Eine weitere Unterstützung, um die Zen-Meditation und Zen-Übung in Balance zu bringen, ist bei uns im Kloster das Körpertraining. Bei einem Viertagesseminar bieten wir viele Möglichkeiten, wie Walken, Joggen oder auch Coretraining. Und wenn es mehr Entspannung braucht, dann kann man jederzeit eine professionelle Massage oder auch unsere Sauna genießen.

So kann, wer möchte, jeder für sich wirklich genau diesen Körperimpuls gezielt mit hineinnehmen, den er braucht.

 

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Wie gehe ich im Alltag mit Zeitdruck und innerem Druck um ?

Als Führungskraft genieße ich es sehr, im Rahmen eines Zen-Leadership-Seminars endlich einmal für eine gewisse Zeit Ruhe und innere Einkehr zu finden, gerade weil ich weiß, dass es danach zu Hause wohl leider nicht so bleiben kann … Zen-Meditation und der stressige Alltag scheinen auf den ersten Blick zwei Aspekte, die sich nur schwierig unter einen Hut bringen lassen. Gibt mir Zen die Möglichkeit, dem Zeitdruck und inneren Druck auch im Alltag zu begegnen?

 

Zeitdruck und Druck ist ganz normaler Bestandteil des Alltags

Es gibt im Leben Zeitdruck und Druck in vielen Möglichkeiten. Das ist auf Dauer keine gute Sache für alle Beteiligten. Es gibt im Leben immer wieder besondere Situationen, wo etwas passiert.

Wenn ich auf der Straße fahre, und plötzlich einen Unfall sehe, dann bin ich in einer Situation, wo ich einfach extrem schnell handeln muss. Und ich weiß vielleicht überhaupt nicht, was ich tun muss, weil ich vergessen habe, was Erste Hilfe war; dann ist das ein extremer Zeitdruck, und trotzdem muss ich richtig und angemessen handeln.

Solche Situationen gibt es. Dabei muss es nicht unbedingt um Leben und Tod gehen, der Zeitdruck – jede Form von Druck besteht gerade unter Führungskräften im Alltag, jeden Tag. Es gibt Situationen in Unternehmen, die erfordern schnelles, klares Handeln. Und es bringt auch noch Gefahr mit für mich, meine Karriere, für Mitarbeiter, ihre Arbeitsplätze, ihre Existenz, ja auch für die Menschen im Umfeld. Da entsteht Druck und das ist auch wirklich richtig.

Und wenn mich das für Momente an die Grenze bringt und für kurze Zeit über die Grenze hinweg, und wenn ich anschließend vollkommen erledigt und erschöpft bin – dann ist das vollkommen in Ordnung.

Die Verantwortung und die Arbeitslast als Führungskraft bringen es ganz unweigerlich mit, dass es immer mal wieder Situationen und Phasen geben wird, in denen ich extrem unter Zeitdruck, überhaupt unter Druck stehe – wenn das aber ein Dauerzustand ist, dann ist etwas extrem verkehrt, entweder in meinem Leben oder in dem System, in dem ich mich befinde.

 

Anhalten und Klarheit gewinnen ist die höchste Zen-Leadership-Pflicht!

Das heißt, diese Frage bedeutet, ich muss erstmal anhalten. Ich kann nicht sagen, Zen ist eine Methode, wie ich jetzt mit dem Dauerstress klarkomme, und gebe mich damit zufrieden. Denn das würde ja bedeuten: Wie kann ich in dem Wahnsinn noch wahninniger agieren mithilfe von Zen? Das geht nicht.

Das ist nicht nur ethisch nicht vertretbar, sondern wird unweigerlich zu neuen Blockaden, zu neuen schlaflosen Nächten oder gar Panikattacken führen. Ich muss dann mutig sein, tiefen Mut haben, und einfach anhalten, und im Zen-Leadership-Training bieten sich viele Möglichkeiten dazu. Anhalten und Klarheit gewinnen, wenn die Dinge aus dem Rahmen laufen, ist die höchste Zen-Leadership-Pflicht.

 

Zen hilft auch, den Körper zu schützen

Tue ich das nicht, wird sich das irgendwann und unweigerlich negativ auf meinen Körper auswirken: Der schlimmste Fall, wenn das gar nicht geht, ist doch, dass ich krank werde, so krank, dass ich eigentlich nicht arbeiten kann. Deshalb muss ich einfach anhalten, und sehen: „Was passiert hier eigentlich? Was ist hier eigentlich los mit mir in meinem Leben und drumherum?“

Ausnahmezustände sind wie gesagt kein Problem, aber das darf nie länger gehen, keine längere Phase. Unser Körper ist schlichtweg dafür nicht gebaut. Es ist ja nicht so, dass ich unter Zeitdruck, überhaupt unter Druck – nur gestresst bin oder schlecht schlafe. Ich zerstöre mein Immunsystem damit, denn dafür sind wir nicht konstruiert.

Kein Lebewesen ist für eine Dauerstressbelastung konstruiert. Nach einer Zeit x, und die ist für jeden Menschen unterschiedlich, ab einem bestimmten Punkt, altern wir schneller, wir werden schneller krank, unser gesamtes System fängt an einzubrechen, und wir regenerieren langsamer. Und wenn man sieht, dass es bald so weit ist – spätestens dann hat man doch das Recht, zu stoppen. Jeder!

 

Zen-Leadership findem im Alltag statt

Zen-Leadership gibt uns die Möglichkeit dazu, sowohl es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, als auch dann, wenn es eigentlich schon fast zu spät ist. Im Rahmen eines oder mehrerer Leadership-Seminare bekomme ich die Möglichkeit anzuhalten und zu meiner inneren Mitte zu finden. Und – ganz wichtig –  auch die Werkzeuge mit auf den Weg, dies auch weiterhin im Alltag zu können.

Diese Wirkung der Kombination aus Meditation, Vier-Augen-Gesprächen und geistigem Input vor Ort endet ja nicht mit dem letzten Seminartag, sondern im Gegenteil gibt sie das nötige Rüstzeug für das, was danach kommt!

Zen-Meditation, die Übung, Zazen genannt, findet im Seminar oder bei mir zu Hause z. B. am Morgen statt. Zen findet im Alltag statt. Zen-Leadership findet im Führungsalltag, im Alltag von Verantwortungsträgern statt.

 

Zen-Meister Hinnerk Polenski
im Gespräch mit Teilnehmern des Zen Leadership Seminars, 2015

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Zen Leadership öffnet die Quelle innerer Kraft

Zen öffnet die Quelle innerer Kraft

„Kraft“ als solche gibt es in vielen verschiedenen Erscheinungsformen, von außen oder von innen heraus. Der Westen schaut nach außen: Dort gibt es Kräfte, elektromagnetische Wellen, die wir am besten beherrschen. Smartphones sind ein Beispiel. Die atomare Energie ist ebenfalls eine Kraft, von der wir glauben, sie zu beherrschen. Vor Kurzem konnte man lesen, dass wir in der Lage sind, Gravitationswellen nachzuweisen. Und doch ist uns bewusst, dass wir diese drei Energien, die wir kennen, noch nicht verbinden können. Die von Einstein geforderte Formel des einheitlichen Feldes gibt es noch nicht, aber das ist unsere Blickweise, der Blick nach außen.

In Asien jedoch geht der Blick einzig alleine auf die Ebene der Lebensenergie, die vierte Energie, die uns beseelt, die uns am Leben hält, die entscheidet, ob wir über Willenskraft, Gestaltungsmacht verfügen, oder ob wir uns erschöpft fühlen oder energielos. Das erste, was der Osten lehrt, ist, dass alles reine Energie ist, daß wir uns mitten in der Energie, in der inneren Kraft befinden, daß Raum selber diese Energie ist – und wir sind mittendrin.

Das heißt, unsere Ansicht, daß Energie damit zu tun hat, wie wir uns psychisch fühlen, stimmt nur zum Teil. Natürlich ist ein tolles Erlebnis, wie eine Hochzeit oder ein Erfolg, etwas, das uns Kraft und Energie gibt. Natürlich ist als Gegenteil dazu ein Schicksalsschlag, ein schreckliches Ereignis etwas, das uns auf Dauer immer wieder Energie kostet; das ist wahr.

Das eine ist „energiephil“ und das andere „energiephob“, das eine der Energie zugewandt, und das andere kostet viel ‒ aber das sagt nichts über die Quelle der Energie aus. Die Quelle dieser Energie ist der Raum, und der Mensch hat eine Verbindung zu dieser Dimension der Kraft. Dort wo Raum ist, ist Energie. Es ist überall die gleiche Energie, denn sie bildet Raum selbst ‒ und der Mensch hat nicht nur einen Zugang zu dieser Kraft, sondern er ist immer mit ihr verbunden, so lange er lebt. Leben selber ist dadurch ausgezeichnet. Deshalb heißt diese Energie „Lebenskraft“.

 

Im Zen-Leadership geht es nicht um ‚high and low’ – es geht um die Mitte der inneren Kraft

Die Zen-Übung lehrt zuallererst, zur Quelle innerer Kraft vorzudringen, diese Quelle zu öffnen, diese Quelle erfahrbar zu machen für uns, so tief erfahrbar zu machen, daß wir eine Idee davon bekommen, daß innere Kraft unbedingt ist, daß sie dann auch da ist, wenn wir psychisch am Boden sind, am Ende unserer „Kräfte“. Oder wir so auch lernen, daß Begeisterung und Euphorie über eine lange Zeit genauso Energie kosten kann, und damit für unser Immunsystem durchaus gefährlich ist. Es ist quasi die Mitte der Kraft, um die es hier geht.

Dazu einige weitere Punkte, die sehr wichtig sind für diesen Weg: Das erste ist, die Kraft ist unbegrenzt im Raum, überall, aber der Mensch kann diese innere Kraft nicht unbegrenzt aufnehmen. Deshalb, auch wenn wir im Hara sind, wenn wir das gelernt haben, ist es dennoch wichtig, achtsam mit Energie umzugehen. Es ist möglich, mehr Energie zu verbrauchen als wir aufnehmen, und dann fängt das System an, diese Energie aus dem Körper herauszunehmen. Das heißt, es gilt für uns Menschen, unabhängig von unserem Energieniveau, wenn wir mehr Energie verbrauchen als wir aufnehmen, leidet unser Immunsystem. Wenn wir das sehr lange Zeit machen, dann greifen wir auf eine Quellenenergie zu, die unser Altern bestimmt. Deshalb ist es sehr wichtig für uns, in dieser Mitte zu bleiben.

Manchmal gibt es im Leben Situationen, in denen das nicht geht. Diese Situationen nennt man Krieg oder Krise, sie sind schrecklich und kosten einen Preis. Dies ist sehr tragisch ‒ aber von hundert Situationen sind keine drei so unausweichlich, und die meisten Menschen haben das Glück, dass sie in diesen Zeiten noch nicht mal diese drei erleben werden. Deshalb habt ihr ein Recht, achtsam zu sein mit euch, mit dieser Quelle der Kraft. Niemand verlangt von euch, dass ihr zehn Jahre früher sterbt, dass ihr krank werdet oder chronische Krankheiten bekommt ‒ achtet also auf diese Quelle.

Und Zen ist der Weg, diese Quelle zu öffnen oder zu reaktivieren und zu hüten und aus ihr heilsam, kraftvoll und dynamisch zu handeln.

 

Yin und Yang ‒ zwei Seiten derselben Kraft

Der zweite Punkt ist, dass diese Kraft zwei verschiedene Ausrichtungen hat: Die eine Dimension ist der Sprint, das ist der Fokus, das Durchbrechen, das Durchschlagen des Gordischen Knotens, Grenzen setzen, Wege öffnen. Die Sitzung, der Investor, das Gespräch, macht er das jetzt oder nicht, auf den Punkt. Norddeutsch: zu Potte kommen, Dinge beginnen und, noch wichtiger – Dinge beenden, vollenden. Fokus, das Wesentliche zu erkennen und zu tun. Dieses ist der Yang-Aspekt der Energie, der Männliche. Das bedeutet, kurz die Energie auf einen Punkt bringen.

Der andere Aspekt ist der Marathon ‒ in der heutigen Zeit sicher der wichtigere Aspekt. Weiblich, die Ausdauer, das Feld der Ausdauer zu halten, eine Vision zu haben und diese Vision mit einer ununterbrochenen Ausdauer mit Energie zu versorgen. Eine Herausforderung zu haben und in dieser kontinuierlich den Weg mit Energie füllen. Unabhängig davon gilt, daß wir beide Aspekte, wenn sie in der Fülle da sind, daran erkennen, daß Freude da ist. Freude einerseits und Energie und Kraft andererseits sind zwei verschiedene Seiten einer Medaille.

 

Wie bringen wir unsere innere Kraft in Balance?

Dritter Punkt: Zu viel Energie kann genauso destruktiv sein wie zu wenig Energie. Das System des Menschen ist im heilsamen Modus ausgewogen. Wenn ich zu viel Energie in etwas gebe und das auch noch mit äußeren Bedingungen, Verstrickungen emotional verbinde, kann es passieren, dass diese ganze Kraft nach außen geht, und damit fehlt sie für einen Moment in mir. Yin und Yang, Defizit und Zuviel, sind miteinander verbunden, wie eine Welle. Je höher die Welle, umso tiefer das Tal, bis es den Boden des Meeres sichtbar werden lässt. Das ist der Moment, wo es für uns nachhaltig nicht mehr gut ist. Yin Qi, also zu wenig Energie, irgendwo zu haben, gefährdet den Körper, gefährdet unsere Gesundheit, gefährdet unsere Psyche, führt bis zur Depression. Es ist nicht die Ursache, aber es verstärkt die Symptomatik. Zu viel Energie ist Druck, Explosion, und das auch wiederum Zerstörung, unangemessenes Handeln, getriebenes, rastloses Sein, am Ziel vorbeilaufend, an unserer Bestimmung vorbeilaufend. Auf körperlicher Ebene eher eine Implosion, und löst damit Krankheiten aus, die langfristig wirken und bedrohlich bleiben. Energiestau, Energiemangel sind nicht heilsam. In der Mitte liegt die Kraft. Das ist also unser Ziel.

 

Innere Kraft und deren Entwicklung im Zen Leadership ist ein heilsamer Weg

Heute gibt es allgegenwärtig das übermäßig durchgeknallt, wahnsinnig plappernd lärmende Sinnentleerte, was unsere Zeit propagiert, wenn wir den Fernseher anschalten. Vor 20 Jahren, da haben Profikameraleute ruhige Schnitte gemacht, und haben uns, wenn ein Interview zwischen zwei Politikern zu sehen war, einen ruhigen Rahmen gezeigt, der verständlich war. Heute folgt alles immer kürzeren Schnitten, alles ist schneller, immer schneller, Schnitt, und die Menschen denken, sie müssen so sein. Die Jungen denken, sie müssen so sein und sie können so sein. Früher bekam man mit 50 einen Burnout, heute mit 30, als ob das ein Fortschritt wäre. Diese Zeit ist nicht heilsam, was das Thema angeht, keine Zeit war so irre, was das Thema Energiemitte anging. So wird jedem Menschen das Recht auf die Kraftmitte genommen, und zerstört so, nicht nur psychisch, sondern auch physisch, viele Existenzen, in diesem durchgeknallten Irrsinn des Sich-selbst-Überholens.

Damit muss ich natürlich die innere Kraft zuerst einmal dazu benutzen, innere Kraft in mir weiter zu erhalten. Mich zu schützen, intelligent „Nein“ zu sagen. Grenze setzen, abgrenzen vom Unheilsamen, die innere Kraft des Yang. Und einen heilsamen Weg suchen, entwickeln und in der Welt nachhaltig mit Ausdauer verwirklichen, die innere Kraft des Yin. Finden wir uns in einer Offensive, die länger dauert, müssen wir uns um die Logistik kümmern. Innere Kraft und Kraftquelle bedeutet, auch zu verstehen, dass ich das Recht habe, diese Quelle dauerhaft zu erhalten für mich. Denn nur so können wir uns und daraus anderen dienen. Deshalb steht im Zen das Thema innere Kraft und Energie an erster Stelle. Auf Japanisch „Hara“, auf Deutsch die „Erdmitte“ des Menschen. Unter dem Bauchnabel liegt dieses Zentrum, und wir lernen durch verschiedene Übungen, je nach Karma, je nach Veranlagung, je nach Begabung, je nach Situation verschiedene Übungen, diese Kraft für uns dauerhaft als Flamme, als Quelle, zu öffnen ‒ nicht zu viel, nicht zu wenig, mal für einen Sprint, fokussiert, mal für einen Marathon, in tiefer, dauernder Kraft. Jeder Mensch hat diese Quelle. Hütet sie wohl, denn sie ist die Quelle unserer Lebenskraft, ist Freude, Willens- und Schöpfungskraft!

 

Zen-Meister Hinnerk Syobu Polenski
im Dialog mit Teilnehmern im Zen-Leadership-Seminar, 2016

Zen Leadership beginnt in der Selbstführung

Da Leadership und Management zwei unterschiedliche Dinge sind, welche Chance bietet dann Zen für diese Bereiche? 

Wir haben uns schon mit dem Thema beschäftigt, ob Leadership und Management gleichzusetzen sind, oder ob es Unterschiede gibt, und festgestellt, dass es sich bei beiden um grundverschiedene Dinge handelt. Vor diesem Hintergrund, welche Chance bietet dann Zen für diese Bereiche?

 

Für beides gilt: Selbstführerschaft ist der Grundstein

Zunächst einmal bietet Zen für den Bereich „Management“ dieselben guten Voraussetzungen wie für jeden anderen Fachbereich auch: Egal ob geisteswissenschaftlicher Hintergrund wie Kunstgeschichte oder naturwissenschaftlicher wie Medizin – die positiven Auswirkungen von Zen sind immer zu spüren, da sie ja in uns selbst wirken und sich nicht danach richten, was wir beruflich tun. Aber die Hauptschlagkraft, das Hauptfeld, liegt im Zen-Leadership-Bereich, denn Zen-Leadership bedeutet immer erst einmal Selbstführerschaft.

 

Drei Elemente der Führungskraft

Das deutsche Wort „Führungskraft“ besteht aus drei Elementen:

  • Erstens: Führung heißt, dass ich Orientierung habe. Orientierung heißt aber nicht, dass ich eine Zeitung lese und mir erzählen lasse, was ich tun oder denken soll ‒ sondern dass ich eine innere Linie habe, eine innere tiefe Orientierung, verbunden mit einer Vision oder mit einem ganz bodenständigen Ziel, das sei dahingestellt. Manchmal bedeutet es nur zu ahnen, wohin ich nicht will. Manchmal zu wissen, wo ich die richtigen Informationen und Mittel herbekomme, und manchmal, wie ich aus einer unglaublichen Menge von Informationen und scheinbaren oder wirklichen Ressourcen das Wesentliche erkenne.Zen-Leadership bedeutet Orientierung, und so Führung in allen genannten Bereichen zu haben. Zen-Leadership ist aber auch, zu erkennen, dass ich selten alles ausreichend zur Verfügung habe, und trotzdem zu handeln, zu entscheiden, zu führen. Eine wesentliche Fähigkeit, die Zen-Leadership deshalb schult, ist die Intuition und das angemessene Handeln.
  • Und dann kommt das zweite Element, und der zweite Teil im deutschen Wort „Führungskraft“ heißt „Kraft“. Das heißt, ich muss in der Lage sein, meine Vision, meine Orientierung, meine Unternehmung zu multiplizieren. Das heißt, ich brauche Kraft und Energie, eine Innere Kraftquelle, und aus dieser Quelle heraus multipliziere ich den Weg, den ich für das Gesamte gut finde. Das ist ein ganz zentraler Punkt im Zen, und deshalb sind im Zen-Seminar die Übungen, die Mediation und die Vier-Augen-Gespräche mit dem Zen-Meister darauf ausgerichtet, diese Energie zu öffnen und gegebenenfalls zu bündeln, und die Herzkraft und Willensenergie zu stärken.
  • Nun beziehen sich diese ersten beiden Aspekte ja erst einmal nur auf mich als Individuum, deshalb kommt der wichtige dritte Aspekt hinzu: Wir brauchen auch noch Menschen dazu. Wenn ich das alles alleine im stillen Kämmerchen mache, dann bin ich der „verkannte Philosoph“. Dieser ist wie ein Wegweiser, er zeigt den Weg, aber geht ihn nicht. Und da der Wegweiser im stillen Kämmerlein steht, sieht ihn auch keiner. Das heißt, in dem Moment aber, wo Menschen hinzukommen, kommt auch eine ethische Komponente mit hinein, denn das ganze Thema Leadership wird umso stärker, umso mehr es auch einem Guten dient, also einem Gemeinwohl. Dafür brauche ich eine Vision: Eine Vision ist nicht, ich haue mir die Taschen voll Geld und mache auf den Bahamas Party. Da spricht ja gar nichts gegen, wenn ich glaube, das muss ich tun, aber dafür brauche ich keine Vision, da brauche ich nur meinem Trieb zu folgen und meine Begabung da mit hineinzubringen, dann komme ich da schon irgendwie an. Aber wenn ich eine Vision habe, ist das immer etwas, was mit dieser Gemeinschaft verbunden ist. Wir sind Gemeinschaftswesen, und die Gemeinschaft hat auch einen Instinkt, und sobald das mit einem Gemeinwohl verbunden ist, dann hat das eine große Leichtigkeit ‒ und das ist auch gut für das, was man Erfüllung nennt. Wir werden ja auch immer älter, und dann gibt es vielleicht zunehmend andere Dinge als nur Party …

 

Zen als Trainingsweg für die eigene Vision

Das heißt, Zen bietet einen Trainingsweg. Das ist wichtig zu wissen. Zen-Leadership ist nicht Theorie, sondern ist eine Praxis, Potentiale zu öffnen, die unterschiedlich sind. Es ist nicht jeder auf die gleiche Art ein Leader, das ist nicht das Gleiche, es ist nicht der gleiche Baustoff. Der eine Leader wirkt eher in eine Richtung, in der die Thematik Intuition, Inspiration viel, viel stärker entwickelt ist, in anderen ist es die Thematik der Empathie, wieder bei einem anderen ist es der Wille, Power, oder die Kraft, Dinge zu multiplizieren. Das hat etwas zu tun mit Karma, und somit ist der Zen-Leadership-Weg unterschiedlich. So kann man auch nur begrenzt pauschalisieren und sagen: „Zen-Leadership ist das und das, und Methodik so und so …“, sondern man kann Menschen dazu inspirieren, motivieren, hierher zu kommen und ein Zen-Leadership-Training anzufangen, was ein eigener Weg ist ‒ der im Übrigen sehr viel Spaß macht natürlich!

Zum Beispiel bei Inspiration und Innovation, was ja einen Leader auch ausmacht, ist Zen eine wertvolle Unterstützung. Ein Aspekt im Zen sticht dabei besonders hervor, und das ist Shunyata, „Leerheit“ im positivsten Sinne. So ist Zen der Leere die vollkommene Abwesenheit von all diesen alten Strukturen, dem Festhalten, Wissen: Das was bekannt ist, ist alt. Was bekannt ist, vergeht, ist vergänglich. Das Neue, das Ungeborene ist immer unbekannt. Das begegnet uns täglich im Leben, beispielsweise bei der Geburt: Vorher war da nichts, und dann ist da ein Baby, und wir wissen auch nicht, was daraus wird. Oder ob das eine wahnsinnige Idee ist. Genauso bei neuen Ideen oder Erfindungen: Wenn Herr Jobs plötzlich so eine verrückte Idee hat, oder andere Herrschaften, das ist immer erst mal aus dem Nichts. „Wissen ist Verblendung, Nichtwissen ist öde Leere“, sagte Zen-Meister Nansen. Das heißt, Inspiration und Innovation und Intuition sind unsere Bewegungsfelder. Das sind Teilbegriffe eines altmodischen Wortes, das „Weisheit“ heißt.

 

Zen Meister Hinnerk Syobu Polenski
im Gespräch mit Teilnehmern des Zen Leadership Seminars, 2016

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Intuition und Weisheit im Zen-Leadership

Gibt es eine Zen-Übung, die mir hilft, mich mit meiner Intuition und inneren Weisheit zu verbinden?

Gerade aus dem Aspekt „Leadership“ heraus ist die innere Weisheit, die Intuition, ganz entscheidend für Führungskräfte. Gibt es eine Zen-Übung, die vor diesem Hintergrund speziell darauf ausgerichtet ist, mich mit meiner Intuition und meiner inneren Weisheit zu verbinden?

 

Intuition und innere Weisheit sind zentrale Kernpunkte des Zen-Leadership-Wegs

Auf jeden Fall, das ist die Grundebene aller Übungen im Daishin-Zen und zeichnet auch in allerstärkstem Maße das traditionelle, japanische Zen aus. Der Begriff Sunyata (Leerheit) bezeichnet darin den Kern. Sunyata bedeutet im Zen Leerheit. Vollendete Freiheit könnte eine europäische Übersetzung sein. Offene Weite ein Schritt dahin. Sunyata ist die Dimension, aus der reine Weisheit sich öffnet. Weisheit ist die Mutter aller Intuition, Inspiration, aller Klarheit und Orientierung. Und Achtsamkeit und Weite ist die Vorstufe davon – deshalb wird gerade im Zen-Leadership ein so starkes Augenmerk auf die Zen-Achtsamkeitsübungen gelegt, die sich an vielen Punkten vom zurzeit populären Achtsamkeitstraining unterscheiden. So gibt es entsprechend viele verschiedene Achtsamkeitsübungen im Zen-Leadership. Ein Zen-Leadership-Seminar bietet mir dabei die optimale Möglichkeit, diese Übungen kennen zu lernen, und im Rahmen geführter Meditation und vor allem Vier-Augen-Gesprächen mit dem Zen-Meister ein Gefühl dafür zu bekommen, wohin mich die einzelnen Übungen bringen. Dann ist es an mir, zu schauen, welche für mich passt, um mich dann der eigenen Mitte und der inneren Intuition und Weisheit immer weiter zu nähern.

 

Weg zur inneren Weisheit für jeden individuell

Das ist ein Weg, der natürlich nicht von heute auf morgen gegangen werden kann – vielmehr kann es dann sein, dass ich merke, dass im Übungsfeld „Weisheit“ Hindernisse auftauchen. So ist Stress, Verstrickung, „alles dringend, immer und sofort“, ein sehr ungünstiges Umfeld für Weisheit, aber manchmal ist gerade hier innere Weisheit besonders notwendig. Das Haupthindernis ist immer, ob in entspannter oder angespannter, hektischer Umgebung: inneres Festhalten, innere Enge, unangemessene Verstrickung. Das ist erst mal vollkommen normal und überhaupt kein Anlass zur Sorge, denn es gibt dann erst mal andere Übungen, die diese Hindernisse auflösen. So sind diese Übungen und Übungskombinationen für jeden individuell, und kein Weg ist gleich – und es gibt manchmal Zwischenschritte, Meilensteine, aber so sehe ich schnell, wie ich immer weiter vorankomme auf diesem Weg, und mein Ziel, eins zu sein mit meiner Intuition und innerer Weisheit, immer mehr in greifbare Nähe rückt, anstatt mit einer Übung sehr lange Zeit scheinbar ohne Erfolg weiter zu kommen. Wir Menschen im Westen brauchen Zwischenschritte, kleine Erfahrungen, die unseren Weg sichtbar, ernsthaft vertiefen. Gerade bei so einem großen Thema wie Weisheit. Liebe zur Weisheit (philosophia) oder einfach mal so Meditieren reicht da nicht.

„… Auf dieser Erkenntnis gründend, stellt der chinesische Ch’an-Buddhismus, ebenso wie seine als „Zen“ bekannte japanische Ausformung den Versuch dar, auf das Urerlebnis des Buddhismus zurückzugehen und Buchwissen durch Erfahrung, Gelehrsamkeit durch Intuition und den historischen Buddha durch die Erleuchtung des eigenen Geistes zu ersetzen.“ (Zitat: Lama Anagarika Govinda)

 

Zen-Meister Hinnerk Syobu Polenski
im Gespräch mit Teilnehmern des Zen Leadership Seminars, 2015

Was kommt nach dem ersten Zen-Leadership-Seminar ?

Das erste Leadership-Seminar liegt hinter mir und ich fühle mich phantastisch ‒ und nun?

Das Gelernte möchte vertieft werden

Das kann man sehr klar beantworten: Wenn man zum allerersten Mal bei einem Seminar teilnimmt, dann ist das in der Regel ein Wochenendseminar, das sind zweieinhalb Tage Zen-Meditation, in der man so weit kommt, dass man eine persönliche, mit dem Meister abgestimmte Übung hat, mit der man weitermachen kann. Der erste Schritt wäre dann, gemäß den Empfehlungen sich einen einladenden Ort zu Hause einzurichten, an dem man die Zen-Übung und Zen-Meditation weiterführt. Danach dann ist es schon sehr ratsam, innerhalb von ein/zwei Monaten an einem Aufbau- und Vertiefungsseminar teilzunehmen, aus zwei Gründen:

 

Zen-Power für unseres Zen-Leadership-Wegs

Zum einen wird man in der Regel von sich aus spüren, dass man weitermachen möchte – das ist natürlich in jedem Fall die Grundvoraussetzung. Nun kann es trotzdem vorkommen, dass man doch davon abkommt. Zum einen, weil die Zen-Meditation zwar schon nach 3 bis 5 Wochen eine spürbare Veränderung im Alltag zeitigt, aber etwas uns vorher im regelmäßigen Üben unterbricht, wie eine Reise, Krankheit oder Ferien mit Familie. Zum anderen, weil der Druck im Alltag sich plötzlich erhöht, oder wir vor einer Herausforderung stehen. Es gibt viele Gründe, die uns vorerst mal kurz von der regelmäßigen Zen-Übung abbringen. Aus „mal kurz“ wird dann „länger“, und dann „gar nicht mehr“, obwohl wir spüren, wissen, wie zentral wichtig gerade jetzt es wäre, in unserer Mitte zu sein. Kurz, keine Übung, keine Wirkung, keine Mitte – was bleibt, ist das Wissen und die Erfahrung aus dem ersten Zen-Seminar, dass es eine Lösung, einen Weg gibt.

Das heißt, dass uns oft die chaotischen Umstände des Alltags, die uns sowieso von allem abbringen und wegen derer wir überhaupt mit der Zen-Meditation begonnen haben, auch noch davon abbringen. Deshalb ist so ein „Brückenpfeiler“ sehr gut – das ist sozusagen nochmal ein Power-Start, und ab da wird es leichter.

Der andere Fall ist, dass nach ein/zwei Monaten die Übung vielleicht beginnt, an Intensität für mich abzunehmen. Ich merke, ich komme zwar so ein bisschen aus meinem alten Denken raus, und empfinde das als sehr heilsam – aber ich erreiche dennoch meine Grenze. Dann kann es nötig sein, eine andere Übung zu nehmen und diese vertiefen. Auch deshalb ist es in der Regel nach kürzerer Zeit, nach ein/zwei Monaten, sehr sinnvoll, mit einem neuen Seminar an das Gelernte anzuknüpfen und es zu vertiefen.

 

Mit dem Zen-Meister den eigenen Weg intensivieren

Ob man einen Zen-Meister „braucht“ , ist gar nicht die Frage. Die Frage ist, wie intensiv ich meinen Weg gehen möchte. Möchte ich wie im Sport eher funktionales Zen üben und es mir erstmal nur um die Zen-Übung geht – dann ist man sehr gut aufgehoben bei guten Zen-Trainern und -meditationslehrern, die einen dann eine Weile auf einem guten Weg begleiten können.

Wenn es aber um Sinn, Tiefe, Zen-Leadership-Weg und fundamentale Veränderung geht, darum Hindernisse aufzulösen, Herausforderungen zu meistern oder vor allem natürlich auch um die Frage der Spiritualität – dann ist es gut, über einen erfahrenen Zen-Meditationslehrer oder einen Zen-Meister mit Leadership-Erfahrung diesen Weg weiter zu gehen.

Ich merke dann, wie sich mir schneller die Türen öffnen auf meinem Weg, die eigene Mitte zu finden, und dass ich das gewünschte Ziel schneller und wirkungsvoller erreiche.

 

 

Zen-Meister Hinnerk Syobu Polenski im Gespräch
mit Teilnehmern eines Zen-Leadership-Seminars, November 2015